1.11 Ungarische Feen, Höhlenbäder & Süsse Weine


Letzter Standplatz in Rumänien, wie so oft am Fluss...

Bevor wir nordwestlich von Satu Mare nun nach zwei Monaten Rumänien wieder zurück nach Ungarn fahren, wird selbstverständlich nochmals Diesel getankt. Mit zwei vollen Tanks kommen wir theoretisch bis nach Hause, ob wir das jedoch auch so machen, da bin ich mir noch nicht so sicher. Das kommt ganz auf die Spritpreise von Österreich und Frankreich an. Frankreich? Ja, denn nach der Reise ist doch vor der Reise. Unser nächstes Abenteuer führt uns im Winter nach Marokko. Daher sind die zur Zeit noch tiefen französischen Spritpreise für uns relevant. Eines ist jedenfalls klar, in der Schweiz werden wir kein Geld ausgeben für Diesel. Mit über 2.30 CHF ist er bei uns doch einfach exorbitant teuer.


Bei Petea dann der Grenzübertritt. Wie schon bei der Hinfahrt, gibt es einen kurzen Grenzstau. Trotz unserer Grösse reihen wir uns natürlich in der PKW Linie ein. Ein Grenzer, der die wartenden Autos durchkämmt, meint mit einem grossen Grinsen: «Ganz schön gross für ein PKW...». Uns in der LKW Kolonne anzustellen, würde uns bestimmt drei bis vier Stunden Warten einbringen. Dazu haben wir natürlich keine Lust. Müssen wir auch nicht, denn wir sind ja als Wohnmobil zugelassen. Am Grenzhäuschen haben wir dann aber die Bemerkung des Grenzers verstanden. Mit eingeklappten Spiegeln bleiben links und rechts kaum eine Handbreite übrig. Wir kommen aber zum Glück durch. Und wie wir durchkommen. Bei jedem Wagen vor uns dauert es zirka drei Minuten. Bei uns kaum drei Sekunden. Sobald er die Schweizer ID sieht, winkt er uns schon weiter. Ich frage mich einmal mehr, ob ich nun stolz oder beschämt sein sollte, ein solches Privileg als Schweizer zu geniessen. Wir entscheiden uns für Dankbarkeit.


Wir sind nun noch genau 14 Kilometer Luftlinie von der Ukrainischen Grenze entfernt. Und für alle unseren daheimgebliebenen Freunde und Verwandten, die mit grosser Besorgnis oder gar Kritik zu Hause vor den Fernsehgeräten erstarren: Es herrscht hier kein Krieg und es ist hier nicht gefährlicher als sonst wo in Europa. Es gibt hier auch bedeutend weniger Ukraine Flüchtlinge als in der Schweiz. Verständlicherweise.


Es ist krass, wie abrupt nach der Grenze sich die Sauberkeit verbessert und die Strassen wieder verschlechtern. Auch die Überholmanöver der Einheimischen verlieren an Wagemutigkeit. Gott sei Dank! Entsprechend mit angepasstem Tempo fahren wir in Richtung Tokaj. Es sind noch etwa 140 Kilometer in nun hauptsächlich westlicher Richtung zu absolvieren. Auf den Landstrassen tun wir uns das aber nicht mehr an und haben daher schon am Vorabend online eine einmonatige Autobahn Vignette erstanden. Ziel des Tages: Unsere Rückkehr nach Ungarn abends mit einem guten Glas Tokajer ausklingen lassen.


Die Ungarische SIM Karten Beschaffung haben wir uns einfacher vorgestellt. Diejenige, die wir an einer Tankstelle in Tokaj gekauft haben, funktioniert nämlich nicht. Ein feines Restaurant in der kleinen Stadt Tokay, finden wir aber zum Glück auch offline. Nach etwas Hin und Her finden wir auch heute wieder einen top Stellplatz auf der Tokaj gegenüberliegenden Flussseite. Ein zwanzig minütiger Fussmarsch verbindet uns über die Hauptverkehrsbrücke mit dem Weinstädtchen, das ja vor allem mit seinen Süssweinen so bekannt geworden ist.

Bilderbuch Stellplatz in Tokaj, gleich gegenüber dem Städtchen und wieder am Fluss (Theiss)

Anstatt in den Flaschen zu stecken, zieren die Korken das Stadtbild

Der nächste Tag ist also wieder einmal Unimog Stillstand-Tag und gehört der Entdeckung des Tokajer Weins. Brigitte ist ja sonst gar keine Weisswein Geniesserin, ausser er bubbelt und ist somit als Champagner, Sekt oder Prosecco klassifiziert. Ich führe sie aber heute in Versuchung und bestelle bei der Himesudvar Weinkellerei gleich mal zwei Degustationssets bestehend aus je sechs feinen Tokajer Weissweinen. Von trocken bis edelsüss, die ganze Zucker-Palette.


Beim ersten Wein, bittet mich meine Holde noch um Hilfe beim Probieren, da die Portionen mit 0.6 Dezilitern doch sehr wohlwollend bemessen sind. Ab dem zweiten schmecken sie ihr dann schon so gut, dass sie jegliche Hilfe verweigert. Ja so ist es nun halt bei den Tokajer: Lieblich, süffig und dank dem hohen Zuckergehalt auch sehr gefährlich.


Die Tokajer Degustation machen wir ganz autonom unter schriftlicher Anleitung im Garten vor der Kellerei. Altes Schulwissen wird aufgefrischt und viel Neues kommt dazu. Der gelbe Muskateller war mir noch geblieben, dass aber die Furmint den Löwenanteil der Tokajer Traubensorten darstellt und es auch noch einen Lindenblättrigen gibt, ist mir in den Jahrzehnten seit der Hotelfachschule wohl wieder entfallen. So ein Auffrischungskurs ist nicht nur gut für's Gehirn, sondern auch für die Seele.



Wir schliessen die Verkostung mit einem Kellerbesuch ab und kaufen noch eine Kiste von unserem Favoriten. Schon wie damals bei LacertA sind wir uns auch hier beim Weisswein einig und entscheiden uns für einen nicht allzu süssen, wunderbar auf Nase und Gaumen wirkenden Wein. Einer den wir für sehr Tokajer typisch und ausgeglichen halten.



Die Weiterreise führt uns nun zuerst auf einem kleinen Umweg nach Szerencs, um endlich unser SIM Karten Problem zu lösen. Viel Geduld ist heute gefragt, aber was tut man nicht alles, um mit der Welt in Verbindung zu bleiben. Um es auf den Punkt zu bringen: Als Ausländer kann man in Ungarn nicht einfach eine Pre-paid SIM kaufen, einlegen und los surfen, wie in Rumänien. Hier muss man sich in einem Fachgeschäft zuerst registrieren lassen, mit ID oder Pass. Glücklicherweise sind die Distanzen zwischen den Attraktionen in Ungarn viel kürzer als im Nachbarland und somit erreichen wir auch heute und trotz dem Telekom Geduldsspiel unser Ziel auf der Boldogkö Burg noch zu ansprechender Tageszeit.


Übernachtung neben der Burg Boldogkö

Wir sind nun wohl am nördlichsten Punkt unserer ersten Reise angelangt und geniessen den Blick nach Süden mit der sagenumwobenen Burg Boldogkö direkt vor uns. Auffallend, und daher auch so fotogen, ist der Wachturm auf dem vorstehenden Löwenfelsen. Die Legende, die man sich über die Burg noch heute erzählt, ist so romantisch, wie kompliziert. Die sieben Feen, die jungfräulichen Töchter des Burg Erbauers Bodo waren aber schon so listig, wie die Frauen von heute. Wen es im Detail interessiert, liest hier. Die Aussicht von der Burg in alle Richtungen ist atemberaubend. Die Burg selbst ist wohl eine beliebte Hochzeits- und Eventstätte. Auch zur Zeit unseres Besuches gab es ein kulinarisches Stelldichein und ein Abendkonzert, das aber leider etwas ins (Regen-)Wasser viel.




Der folgende Tag bringt uns auf einer fast leeren Autobahn (M30) nach Miskolc. Zugegeben, es ist Sonntag und daher vermutlich eh wenig Verkehr. Es ist uns aber schon längst aufgefallen, dass die Autobahnen hier im Westen Ungarns nur spärlich befahren sind. An den überdurchschnittlich schlechten Landstrassen wird es nicht liegen, vermutlich aber an den teuren Autobahngebühren. Wir Schweizer tun uns schwer mit der 40CHF Vignette? Die EU Länder sind da hartgesottener, nehmen lieber mehr vom Durchreiseverkehr und weniger durch die Treibstoffzölle. Da müssen wir Schweizer einfach noch dazulernen.


In Miskolc angekommen, stellen wir uns auf den offiziellen und kostenfreien Grossparkplatz in der Nähe des Barlangfürdö Höhlenthermalbades. Thermalbäder sind in Ungarn etwa so beliebt wie in der Schweiz das Skifahren. Man geht da gerne am Wochenende hin oder verbringt gleich seine Ferien in einem Thermenhotel. Klugerweise haben wir für diesen Thermalbadbesuch nicht das Wochenende gewählt. Die ganz schlauen, gehen am Montagmorgen, gleich wenn das Bad öffnet. Punkt neun Uhr stehen wir auf der Matte. Und bald schon am Berg, denn wir haben kein Badetuch mitgenommen in der Erwartung eines hier ausgehändigt zu bekommen. Man erfährt so was aber leider erst, wenn man umgezogen im Bad steht. Gut, wir hätten ja auch fragen können, haben aber leider gar nicht daran gedacht. Somit geht es nochmals in die Kleidung und zurück zum Haupteingang, wo wir zwei Badetücher in der Grösse eines Waschlappen käuflich erwerben konnten. Heute ist der Wurm drin und zudem ist es im Bad und selbst im Wasser einfach viel zu kalt für eine Therme. Nichtsdestotrotz verbringen wir knapp zwei Stunden in den Höhlen und machen das Beste daraus. Gegen elf Uhr füllt sich dann das Bad auch heute Montag, wie die Seilbahn am Matterhorn. Da drängeln wir uns gerade noch so durch die Umkleidekabinen und nichts wie raus. Busladungen werden hier abgeliefert, halt wie bei uns im Ski Resort.



Aus einem gemütlichen Spa-Tag in der Therme wird ein kalter Bade-Vormittag. Um die Mittagszeit sind wir dann auch schon wieder auf Achse in Richtung Eger. Wir fahren einen kleinen Umweg ab der Autobahn, um wieder mal Frischwasser zu tanken. Mit Frischwasser wird an dieser Autowaschanlage aber leider nichts. Dafür kriegt unser Unimog wieder mal seine Radkästen gründlich gesäubert. Schliesslich geht es bald nach Budapest auf einen Campingplatz. Da werden wir zwischen der Weissware stehen und wollen ja eine gute Gattung machen. So sind wir halt, wir Schweizer…..


Passend zum heutigen Tag, werden wir auch in Eger nicht von Begeisterung überrollt. Wir machen unser Sightseeing direkt aus dem Wagen und fahren relativ direkt zum angestrebten Übernachtungsplatz am Laskóvölgyi víztározó, was so in etwa mit Lasko-Tal Stausee übersetzt werden kann. Ungarisch ist und bleibt für uns eine unheimlich schwierige Sprache ;-)


Der See ist voll von geeigneten Übernachtungsplätzen. Was aber gut genug ist für ein FRAME ist auch gut genug für die lokalen Fischer. Bei der Standplatz Bestimmung spielt es sich immer in etwa gleich ab: Man sieht auf dem Navi, dass auf den nächsten, sagen wir mal 800 Metern, geeignete Stellplätze sein können, weil die Nähe zum Fluss oder See gegeben ist. Jeden guten Platz den du siehst, merkst du dir. Aber trotzdem fährst du weiter, weil gleich da vorne um die Ecke könnte ja noch ein besserer sein. So läuft das auch hier am Laskóvölgyi víztározó (ich hoffe, liebe Leser, ihr habt das jetzt auch schon richtig ausgesprochen).


Übernachten bei den Fischern am Lasko-Tal Stausee

Am bis dahin schönsten Platz am oberen Ende des Sees gegenüber der Staumauer sitzt auch wieder ein Fischer. Dieser Standort ist aber so toll, dass ich es einfach wagen muss. Ich steige aus und versuche mit Händen und Füssen dem Fischer zu erklären, dass ich mich auch hier hin stellen will. Die Kommunikation ist schwierig, aber immer wenn es schwierig wird, wird es ja wieder einfach. Man kann verstehen, was man verstehen will. So verstehe ich vom lieben Fischer, dass es ihm nichts ausmacht, wenn wir uns gleich neben ihn stellen. Gesagt, getan. Der wohl beste Stellplatz am Laskóvölgyi víztározó (ja das wird schon...) ist nun unser. Ich offeriere dem alten Mann ein Bier und schon sind wir Freunde, auch ohne gross miteinander sprechen zu können.




Am nächsten Morgen um sechs Uhr kommt dann die Retourkutsche. Die Fischer wurden vermutlich von unserem alten Mann bereits benachrichtigt, denn er selbst stösst später auch wieder dazu. Zwei der Angler fahren mit ihren Autos gleich vor unsere Treppe, umzingeln uns, als wären wir gar nicht da. Wir können es ihnen ja nicht verdenken. Schliesslich sind WIR die Eindringlinge. Sie werden wohl jeden Tag hier sein, also ist dies gewohnheitsrechtlich auch IHR Angelplatz. Am Anfang war ich mir nicht sicher, ob wir nun immer noch willkommen sind. Mein Angebot mit mir frisch gebrauten Kaffee zu trinken, schlagen sie beide aus. Etwas später offeriert mir einer der beiden ein Bonbon. Die Welt scheint ja doch noch in Ordnung zu sein. Zufrieden verbringen wir den Vormittag dicht nebeneinander. Die Fischer am Fischen und wir am Campen.



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