1.10 Rumänien, wider Erwarten

Wir sind ohne es wirklich zu realisieren zur letzten Etappe unseres Rumänien Abenteuers gestartet. Sie soll uns quer durch dieses Karpatenland, von Süd nach Nord, bis zur Ungarisch-Ukrainischen Grenze bringen. Zuerst wollen wir es aber noch einmal wissen. Es kann einfach nicht sein, dass die ganze Lokalbevölkerung immer wieder von den vielen Bären spricht und wir in fast zwei Monaten noch keinen einzigen gesehen haben. Binden die uns nur einen auf? Wir nutzen also die nächsten drei Tage bis zu unserem Besuchstermin mit unseren hoch geschätzten Freunden, den Schweiz-Rumänischen Star Gastronomen Jakob und Crenguţa Hausmann und schlagen uns noch einmal in die Bärenwälder von Râuşor.

Der Râuşor Stausee liegt auf knapp 1'000 M.ü.M in einem relativ engen Seitental. Unsere Strecke von Snagov führt uns zuerst einmal zurück auf die A3 bis Ploieşti. Zumindest glaubt das Navi, dass hier eine Autobahnauffahrt existiert. Tut sie aber leider nicht. Es handelt sich um eine Notfall-Ausfahrt. Ein Einfahren, wie Google oder Locus Map das vorschlägt, wäre wohl lebensgefährlich. Das ist nicht das erste Mal, dass uns so was passiert. Gerade auf dieser Autobahn haben wir das vor Jahren auch schon mal erlebt. Die alternative Route bis zur nächsten Einfahrt gestaltet sich nun äusserst mühsam. Wir fahren im Zickzack über Feldwege mit sehr grossen von Regenwasser gefüllten Schlaglöchern. Nach einer Stunde Fahrt sind wir kaum 15 Kilometer von unserem Ausgangspunkt Snagov. Das kann ja noch ein langer Tag werden. Insbesondere, da wir gerade heute mal keinen Übernachtungsplatz aus der App anvisieren, sondern uns einen vor Ort suchen wollen.


Endlich auf der A3 angelangt, fahren wir auf der halb leeren Autobahn einer der fürchterlichsten Industriestädte entgegen. Von weitem sind die riesigen Erdölraffinerien und Kühltürme der Wärmekraftwerke von Ploieşti schon sichtbar. Ob die alle auch wirklich noch in Betrieb sind, mag ich zu bezweifeln. Manche der Kolosse sehen schon sehr heruntergekommen aus.


Ab nun fahren wir in westlicher Richtung auf einer schnurgeraden Nationalstrasse. Die sind immer sehr gefährlich, da hier selbst 24-Tonnen LKWs in den unmöglichsten Situationen zum Überholen ansetzen. Mein Blick ist also fast rechrechtenrechterechtrechrecrelrn.nso oft in den Rückspiegeln, wie auf der Strasse. Nach Târgovişste werden die Strassen immer enger, kurviger und schlechter. Wir sind froh, dass wir endlich in Câmpulung angekommen sind. Wie üblich in einem solchen Moment vor der Isolation in den Bergen, besuchen wir nochmals einen Kaufland. Dann.s hinauf zum Lacul Râuşor. In den ersten Dörfer sitzen auffällig viele Romas vor ihren Häusern und grüssen uns freundlich und überschwänglich. Den Daumenhoch haben wir ja schon öfters gesehen. Hier werden uns aber ganze Hände und Arme zugeworfen, wir kommen uns ein wenig vor, wie der Papst im Papamobil.



Bären Observierungsplatz am Cuca River

Nach knapp zehn Kilometer haben wir den See und somit die Staumauer erreicht. Ein Durchkommen auf der linken off-road Seite scheitert. Zuviel Matsch und die vorgerückte Stunde zwingen uns auf den offiziellen Weg der geteerten linken Seeseite zurückzukehren. Am See selbst findet sich kein Stellplatz, da es hier viel zu eng ist. So fahren wir am Râuşor Stausee vorbei und das Tal hinauf und hinauf auf der Suche nach einer für uns geeigneten Bären Observierungsstation. Die einsetzende Dämmerung fordert nun eine Entscheidung und wir wählen eine kleine Plattform direkt unter einer der zahlreichen Wasserschwellen des Cuca Rivers. Zum Glück ist das Tal nach Süden ausgerichtet, somit dürfen wir tagsüber trotz der steilen Wälder links und rechts mit ansprechender Besonnung rechnen.



Auch das Frischwasser Tanken vom Fluss mit Pumpe und 25m Schlauch funktioniert bestens

Wir verbringen die Zeit mit den üblichen Haushalts- und Fahrzeugkontroll-Arbeiten. Immer ein Auge auf die Umgebung - und eventuelle Bären - gerichtet. Ein vorbeikommender Mitarbeiter des Wasserkraftwerks bestätigt uns die Präsenz des Meister Petz. Oft bleiben sie aber in den höheren Regionen. Nachts steigen sie vielleicht mal herunter. Sobald das Sonnenlicht hinter den Tannenwipfeln verschwindet, wird es sehr kühl und wir kleben dann hinter unseren Fenstern und halten abwechselnd Bärenwache.


Am zweiten Tag wird das Wetter nun doch schlechter und das zunehmende Getöse der Wasserschwelle beginnt uns speziell nachts zu stören. Wir entscheiden uns zur Weiterfahrt, denn wider Erwarten kommen uns die Karpaten Bären einfach nicht besuchen. Vielleicht ja auch besser so. Wir haben keine Angst, aber grossen Respekt von diesen Wildtieren. Aber in freier Natur einen zu sehen, wäre halt schon ein Highlight unserer Rumänienreise. Manche unserer abgelegenen Standorte waren ja geradezu prädestiniert für eine Bärensichtung. Ja nun, man kann das Schicksal nicht erzwingen. Ich ordne das in die gleiche Kategorie ein, wie die Tatsache, dass ich insbesondere im Kindesalter stundenlang eine Angel in Händen hatte und meinen Lebtag noch nie einen Fisch gefangen habe.


Von hier zu unseren Freunden nach Bran ist es eigentlich kaum mehr als eine halbe Tagesreise. Die beiden werden aber auch erst morgen Donnerstag wieder zuhause sein, somit müssen wir nochmals einen Übernachtungsplatz finden. Park4Night lässt uns auf dieser Strecke über den Bran Pass komplett im Stich. Die Gegend ist wunderschön, speziell auch im Winter und trotzdem soll es hier nichts für Overlander zum Übernachten geben? Wir fahren in die abgelegensten Dörfer und stossen oftmals auf verwunderte Einwohner. Wahrscheinlich waren nicht alle erfreut, uns mit unserem Unimog in ihren kleinen Strassen zu sehen und trotzdem grüssen sie immer höflich zurück. Wir sind nun schon kurz vor Bran und haben immer noch nichts passendes gefunden. So kommt uns die Idee, Köbi mal anzurufen, vielleicht können wir ja auch ohne sein Dasein schon mal auf sein Grundstück fahren und ihn morgen in seinem Zuhause willkommen heissen.

Das sagenhafte Dracula Schloss in Bran, gemäss Schriftsteller Bram Stoker

Wir haben Glück. Köbi erlöst uns von unserer Suche und offeriert uns spontan auch schon heute bei ihm zu übernachten. Wir sind erleichtert und fahren kurzerhand am Bran Castle vorbei und den engen von Obstbäumen gesäumten Privatweg hinauf zur Casa Mica Elveţie (kleines Schweizer Haus), wie er sein Anwesen patriotisch nennt. Die beiden führten über Jahre erfolgreich ein gleichnamiges Schweizer Restaurant in Bukarest. Als Ex Schweizer Fussball Torwart hat sich Köbi hier in Rumänien einen Namen als Fernsehkoch, Spitzengastronom und seit neuestem auch Influencer geschaffen. Es freut und ehrt uns riesig, dass wir die beiden als unsere Freunde bezeichnen dürfen. Ihre Gastfreundschaft und Freundlichkeit wirken auf uns immer wieder überwältigend. So auch bei diesem Kurzbesuch in Rumänien. Wir geniessen die Zeit in Bran, einen Ausflug zum Abendessen nach Brasov und Terrassen- und Kamingespräche, wie sie unter alten Freunden nicht herzlicher sein können.


Geschäftiges Treiben in Brasov, wo zur Zeit eines der grössten Oktoberfeste des Landes über die Bühne geht

Am Samstag geht unsere Reise dann wieder weiter. Immer wieder nordwärts. Kurz nach Brasov kreuzen wir dieselbe Strecke, auf der wir hergefahren sind. Wir machten also quasi eine Acht quer durch Rumänien und werden die erste Schleife, auf die wir nun in Brasov zurückgekommen sind, irgendwo in Ungarn wieder schliessen.


Der Weg führt uns nun leicht nordwestlich über das wunderschöne Sighişoara nach Târgu Mureş, also an denselben Fluss Mureş

Geburtshaus von Vlad Tepeş alias Graf Dracula in Sighisoara

(zu deutsch Mieresch), an dem wir schon mal südlich von Alba Iulia genächtigt haben. Die Region Transsylvanien, in der wir uns seit dem Bran Pass wieder befinden, gefällt uns eindeutig am Besten. Und je weiter wir in den Norden kommen, umso lieblicher und abwechslungsreicher wirkt die Landschaft. Wir kommen gut voran und machen nun in vier bis fünf Stunden Fahrzeit über 200 Kilometer pro Tag, auch ganz ohne Autobahn.


Abendstimmung bei Ankunft an der Mieresch


Am folgen Tag fahren wir durch eine Kleinstadt genannt Beclean. Dies klingt irgendwie so unrumänisch. Die Gegend, in der sie liegt, scheint aber dem Namen alle Ehre zu machen. Je weiter wir gegen Norden kommen desto «cleaner» wird dieses Land. Vielleicht nicht ganz entgegen allen unserer Erwartungen, aber ehrlich gesagt, haben wir die Hoffnung auf weniger in die Natur verstreuten Müll schon fast aufgegeben. Wir fahren nun immer mal wieder an Müllwagen vorbei, die die schwarzen Plastikmülltonnen vor den Häusern leeren. Noch nie waren wir so erfreut, diese Schmutzkarossen zu sehen, wie hier und jetzt. Es kann also doch funktionieren. Warum man dieses hier etablierte Entsorgungssystem nicht im ganzen Land einführen kann, bleibt uns aber ein Rätsel. Liegt wohl auch stark an der Mentalität der Menschen, denn es fällt uns auf, dass hier sorgsam ums ganze Haus herum geputzt, gemäht und gestrichen wird.


Typisch Rumänien: Stets mit einem Lächeln im Gesicht

Unsere Route führt uns nach Dej weiter Richtung Norden in den Kreis Maramureş. Es ist der nördlichste Kreis Rumäniens und grenzt bereits schon an die Ukraine. Es gibt da noch eines, das auf einer Rumänien Entdeckungstour einfach nicht fehlen darf. Ein Besuch in einem der zahlreichen Klöster. Dazu eignet sich neben der Moldau durchaus auch Maramureş. Dem FRAME Stil gerecht, suchen wir uns eines aus, das nicht so einfach zu erreichen ist. Neben dem Kloster, soll auch die Anfahrt schon was zu bieten haben. Mit dem orthodoxen Kloster Rohiţa – nicht zu verwechseln mit Rohia - finden wir ein Prachtexemplar einer wunderschön abseits gelegenen und auch fotogenen geweihten Stätte.




Abgelegen und abgefahren: Kloster Rohita

Rohiţa hat eine kurlige Geschichte, über die man kaum Informationen ausser in Rumänischer Sprache findet. Umso mehr freut es uns im Gespräch mit einem der wenigen verbleibenden Mönche etwas dazuzulernen. Übrigens, die vielen tollen Klöster in der Region sind nicht deswegen aus Holz, weil es davon hier so viel gibt, sondern weil sie zur Zeit als sie gebaut wurden ganz ohne offizielle Bewilligung nur geduldet waren und einfach und schnell wieder zerstört zu sein brauchten.


Mit Einwilligung des Mönchs stellen wir uns für die Nacht auf den Hügel über dem Kloster, selbstverständlich mit Rundblick und gesegnetem Schlaf.



Wir nähern uns dem Ende unseres Rumänien Abenteuers und resümieren schon auf der Fahrt nach Baia Mare mit Wehmut über die letzten zwei Monate in diesem doch so freundlichen und eindrücklichen Land. Einen Abstecher in die nahe gelegene Ukraine lassen wir schliesslich aus politischen, aber auch meteorologischen Gründen mal sein. Die letzte Übernachtung liegt keine 20 Kilometer vom Rumänisch-Ukrainisch-Ungarischen Dreiländereck kurz vor Satu Mare. Wie so oft stehen wir auch zum Abschluss nochmals an einem nicht ganz blauen Fluss, dem Someş, in freier Natur und planen intensiv unsere nun morgen bevorstehende Rückkehr nach Ungarn.



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