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2.9 Faszination Meer


Etappenziel: Wellen, Wogen, Weite, kurz: Das Meer

Das Meer hat Brigitte und mich schon immer fasziniert. Immer wenn wir auf unserer beruflichen Reise am Meer wohnen durften, waren wir noch glücklicher. Beim Gedanken ans Meer kommen uns halt immer schöne Erinnerungen, wie wir sie zum Beispiel in Guam, auf den Philippinen oder in Dubai erleben durften. Heute sind wir nun also so richtig scharf, wieder einmal ans Meer zu fahren. Wir stellen uns das natürlich auch einfach traumhaft vor, mit dem FRAME und unserem Schneckenhäuschen direkt irgendwo am einsamen Strand stehen zu können. Bis dahin sind es aber noch ein paar Kilometer, die wir in den nächsten zwei Tagen hinter uns bringen wollen. Zudem ist nun auch wieder einmal richtiges Lebensmittel Shopping angesagt. Es gibt zwar hier südlich des Atlas Gebirges keine ausländischen Lebensmittelläden mehr, aber in Städten wie Tata oder Guelmim werden wir hoffentlich wieder einmal mehr als nur die üblichen fünf Gemüse und drei Arten von Früchte finden. Mit dem Konservenessen, das in dieser Region üblich ist, tun wir uns nämlich etwas schwer.


Am Ende der Offroad Südroute trifft unser Reifengummi also wieder einmal auf Asphalt. Ob dem Unimog das heute auch so gefällt wie uns, wagen wir zu bezweifeln. Wir sind nun aber froh wieder einmal etwas entspannter und weniger ruckelig fahren zu können, nicht zuletzt auch um unserem Ziel, dem Meer, schneller näher zu kommen.


In Tissint halten wir schnell direkt vor einem kleinen Lebensmittelgeschäft auf der linken Strassenseite an. Als ich wie üblich für kaum 40 Rappen mit zwei schönen warmen Broten wieder zum Wagen zurückkomme, werde ich lamentierend von einem Polizisten «begrüsst». Er beschimpft mich regelrecht, weil ich – Gott sträflich – auf der linken Strassenseite geparkt habe. Es ist halt schon so, man nimmt die lokalen Gepflogenheiten ziemlich schnell an, wenn sie einem gelegen kommen. Links zu parken betrachten wir nun aber als etwas weniger schlimm, als über Rotlichter zu flitzen, in der unübersichtlichen Kurve zu überholen oder mit profilbefreiten Reifen zu fahren, was hierzulande ja alles alltäglich ist. Der Polizist, wie üblich in makelloser Uniform, erinnert mich in seinem Gehabe ein wenig an Louis de Funes. Nur lustig finde ich seinen Ton und die Anschuldigungen natürlich gar nicht. Auch meine Entschuldigungen werden von ihm nicht akzeptiert. Er nimmt mir alle meine Papiere ab und verlangt, dass ich ihm folge. Ich werde regelrecht abgeführt auf Grund meines unentschuldbaren Vergehens: Linksparken in Tissint!


Irgendwie sind wir schockiert. Nach über zwei Wochen im Schosse der Natur und weg von der Zivilisation hat uns hier die Realität schnell wieder eingeholt. Missbilligend fahren wir dem Gendarmen hinterher und wissen nicht, was wir davon halten sollen. Bis anhin waren alle unsere Kontakte mit der Lokalbevölkerung immer äusserst zuvorkommend und freundlich. Mit diesem Ordnungshüter ist aber nicht zu spassen. Am Ende der Hauptstrasse an einem Kreisverkehr hält er schliesslich neben weiteren Polizeifahrzeugen, die hier zur üblichen Strassenkontrolle aufgestellt sind. Er lässt uns nochmals eindringlich unseres Vergehens bewusst werden. Ich erwarte schon die Höchststrafe, vermutlich lebenslänglich als er meine Hand nimmt und mir erklärt, dass er von einer Busse absehen werde. WOW, welche Erleichterung! Wie kann das sein? Erwartet er vielleicht eine kleine Gabe für die Angestelltenkasse, denke ich für mich. Nein, nein, aber im Zentrum musste er ein Exempel statuieren, denn seine Bürger beobachten ihn genau. Da kann er so ein Linksparken einfach nicht dulden. Es sei aber alles kein Problem, entschuldigt er sich nun und wünscht uns weiterhin einen schönen Aufenthalt in seinem Land. Es fällt uns ein grosser Stein vom Herzen und wir sind nicht nur froh, ungebüsst davon zu kommen, aber auch darüber, dass wir unsere Meinung über die Freundlichkeit der Marokkaner nicht revidieren müssen.


Tissint: Markante Berge, fruchtbare Täler

Ausgangs Tissint, das zwischen markanten Bergzügen liegt, überrascht uns dann auch noch ein Canyon, der vor Fruchtbarkeit und Palmen nur so sprüht. Wir überlegen kurz, ob wir uns hier vielleicht für ein Nachtlager umsehen sollen, so gut gefällt es uns nach diesem lustigen Zwischenfall mit dem marokkanischen Louis de Funes.

oben: Am Tissint Canyon

unten: "Kleiner" Wagen im grossen Gelände


Eigentlich wollten wir aber heute noch bis Tata kommen. Dort haben wir nämlich eine Garage ausfindig gemacht, die uns unser Stück Sandblech aus dem Dieseltank operieren soll. Da morgen schon wieder Sonntag und somit allgemeiner Ruhetag ist, wollen wir da unbedingt noch heute vorbeischauen. Die Fahrt wird fortgesetzt. Siebzig Kilometer weiter entpuppt sich aber die Garage als nicht geeignet, um Hand an unseren Unimog zu legen. Die Sache scheint mir zu delikat zu sein, als dass ich hier einen Unbekannten vom Hinterhof an die Eingeweide meines FRAMELEIN lassen würde. Kurze Zeit später stellen wir uns südlich von Tata in genügender Distanz von der Hauptstrasse unter einen Felsen und kochen uns was Feines. Wie so oft, kommen uns abends neugierige Kinder aus der Nachbarschaft besuchen. Wo sie genau herkommen, können wir nicht eruieren. Kinder scheinen hier einen markant grösseren Ausgangsrayon zu haben, als wir uns das zuhause gewohnt sind. Selbst die Allerkleinsten bewegen sich hier Kilometer weit weg von zu Hause. Zuerst kommen zwei kleine Jungs, die sich mit ihren freundlichen Willkommensworten etwas Schulschreibzeug und Süssigkeiten verdienen. Später kommt der eine der beiden nochmals zurück. Jetzt mit einem kaum vier Jahre alten Mädchen. Er stellt mir stolz sein Schwesterchen Maha vor. Wir verständigen uns in französisch und es gelingt mir den beiden anhand unserer mitgeführten Kinderspielsachen die Magie der Seifenblasen zu erklären. Ich bin mir fast sicher, dass sie beide noch nie Seifenblasen selbst gemacht haben, denn sie sind komplett begeistert von der Leichtigkeit der vor ihren grossen Augen tanzenden Farbkugeln. Sie bedanken sich herzlich und sind so schnell wieder weg, wie sie gekommen sind.


Am nächsten morgen sehen wir dann den kleinen Jungen gleich nochmals als wir die Asphaltstrasse erreichen, wie er mit einem Teenager Girl an der Bushaltestelle steht. Ein paar Meter weiter halten wir routinemässig nochmals an, da springt er gleich zu uns hin. Dies ist nun seine grosse Schwester, erklärt er uns mit einem strahlenden Lächeln. Auch für sie haben wir etwas in unserer Geschenkbox, was das junge Mädchen sehr erfreut. Sie ist komplett in rosa gekleidet und wird von uns daher mit einem passenden rosa Schal beschenkt. Ihre Augen funkeln und wir wissen, dass auch dieses für uns ausgediente Kleidungsstück nun nochmals sehr viel Freude bereiten wird.


Übernachten an den "rollenden Bergen"

Unsere Strecke führt uns in südwestlicher Richtung von Tata via Akka und Icht bis nach Guelmim. Hier wollen wir wieder einmal in einem Camp übernachten, um Wasser aufzufüllen. Eilt zwar noch nicht, aber lieber zu früh als zu spät. Unterwegs wird auch nochmal Diesel aufgetankt und zwar in den immer noch havarierten, aber definitiv nicht Leck geschlagenen grossen Dieseltank. Wir fahren wie so oft durch sich ständig verändernde Landschaften und immer wieder mal durch üppig mit Palmen bestückte Oasendörfer. Wir sind kurz vor dem angestrebten Camp und kaum 30 Kilometer vor Guelmim, als uns wellige Berge im glitzernden Gegenlicht ins Auge stechen. Man kann die Kraft förmlich spüren, mit der diese Bergrücken vor Millionen von Jahren in die Höhe geschoben wurden. Der Ort versprüht wieder einmal die Magie, die wir zum Übernachten lieben. Das Zielort wird kurzerhand vorverschoben, denn wir sehen einen Pfad, der uns von der Strasse weg und hin zu den rollenden Bergen führen kann. Wir sehen allerlei in diesen Formationen. Ein nasser Krokodilrücken kommt der Beschreibung wohl am nächsten. Dicke Spuren in der Erde lassen uns rätseln, ob hier vielleicht kürzlich Panzer durchgefahren sind? Dies würde ja eventuell auf Militärzone schliessen lassen und somit der erwünschten ruhigen Nacht entgegen stehen. Je mehr wir diese spannende Landschaft durchwandern, desto mehr unbeantwortete Fragen kommen auf. Wann ist hier das letzte mal Wasser durchgeflossen? Wie kam es zu den faszinierenden Steinzusammenschlüssen von so vielen verschiedenfarbigen und verschiedenartigen Steinen? Wie und wann sind wohl die Krokodilberge entstanden? Diese Gegend macht neugierig, diese Gegend inspiriert aber auch unsere Fantasie.

Krokodilrücken oder doch nur Berge?


Die Nacht wird ruhig, ganz ohne Panzer und Krokodile in unseren Träumen. Am folgenden Tag fahren wir nun also nach über sechs Wochen Berg- und Wüstenabenteuer wieder einmal in eine Stadt mit über hunderttausend Einwohnern. Die letzte war wohl Beni Mellal kurz vor Weihnachten und vor der Überquerung des Hohen Atlas. Noch nicht mal richtig am Stadtrand angekommen erblicken wir auf der rechten Seite einen grossen Marjanas, ein Supermarkt, der wohl grössten marokkanische Lebensmittelkette, mit zahlreichen Wohnmobilen auf dem vorgelegten Parkplatz. Sofort sticht uns dabei ein Unimog Overlander ins Auge, selbstverständlich fahren wir gleich dahin. Es ist dies der Monstro Mog, zweier junggebliebener französischer Vollzeitreisenden, mit denen wir uns zufälligerweise in den letzten Tagen intensiv über Instagram ausgetauscht haben, deren genauen Standort wir aber nicht kannten. Wir tauschen unsere Geschichten aus und gehen auch gleich zusammen einkaufen. Das Angebot ist äusserst erfreulich und natürlich vielseitiger, als die Strassenmärkte der letzten Wochen. Bio oder Alkohol, wie es in den Carrefours gibt, sucht man im Marjanas aber vergeblich. So bekommen wir denn auch von unseren netten Unimog Kumpanen den Tip, dass man sich im Alibaba Cafe, im Zentrum von Guelmim, wohl zum städtischen Sündentempel, sprich Spirituosengeschäft, durchfragen kann. Alibaba als Anlaufstelle für Bier- und Weintrinker. Das klingt irgendwie spannend. Wir machen uns also auf zum Alibaba und lassen unseren Truck mangels geeigneter Parkmöglichkeiten gleich am rechten Strassenrand stehen. Wohlgemerkt der RECHTE. Vom Linksparken, sind wir ja seit Tissint geheilt. Um sicher zu sein, frage ich gleich einen daneben stehenden Polizisten, ob ich meinen Wagen hier für fünf Minuten stehen lassen kann. «Kein Problem» erwidert er. Dass es marokkanische fünf Minuten werden wird, wusste ich natürlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich stehle mich also ins Alibaba Cafe und suche hier eine geeignete Ansprechperson. Der Mann an der Bar scheint mir dabei der richtige zu sein. Nun, wie sage ich dem guten Mann, dass ich auf der Suche des verpönten Alkohols bin? Ein Codewort habe ich ja keines und eine Nelke im Knopfloch scheint mir hier auch wenig Sinn zu machen. Also erzähle ich ihm einfach mal mit Blick an die Decke und leiser Stimme eine Geschichte eines Bekannten, der mir geflüstert hat, dass dieses Lokal hier der Schlüssel zu Bier und Wein sei. Der Barman schaut an die gegenüberliegende Decke und meint mit ebenso leiser Stimme, dass ich einfach geradeaus in den Markt laufen soll und der gesuchte Ort wohl irgendwie da in den Gassen zu finden sei. Mir scheint seine Erklärung viel zu vage und ich ersuche ihn, mir doch bitte auf meinem Google Map die Stelle zu zeigen. Entweder hat der gute Mann noch nie eine Karte gesehen oder er ist nicht wirklich bereit mir bessere Auskunft zu geben, also marschiere ich mal in die beschriebene Richtung mitten in den Markt von Guelmim. Das Suchen wird aber bald hoffnungslos und ich wage es, einen jungen Gemüseverkäufer nach meinem Ziel zu fragen. Ach, welch ein Fehler! Der gläubige Moslem beschimpft mich und meine ungläubige Sippe von Genussmittelkonsumenten, dass ich alsbald die Flucht zurück zu Alibaba ergreife. Beim zweiten Anlauf und viel Beobachtung, wo die Herren wohl am ehesten schwer bepackt aus einer unscheinbaren Türe schreiten, klappt es dann schliesslich doch noch. Diese Hinterhof Garage ist aber der Hammer. Regale bis zur Decke voll gepackt mit Hochprozentigem, Wein, Bier oder auch Champagner. Wohl zu aussergewöhnlich teuren Preisen, aber alles vorhanden, was sich der sündige Geniesser wünscht. Auch wir füllen unsere Tasche mit Casablanca Bier, denn etwas Wein haben wir noch übrig in unserem fahrenden Weinkeller. Aus den fünf Minuten, sind nun wohl dreissig geworden, der Gendarm lässt uns aber augenzwinkernd die Strasse räumen. Wir sind vollgepackt, ausgerüstet, es kann auf gehen zum Meer!


Unser "kleiner" hat ja nur 3.46m Höhe...

Wir fahren schon bald von der Hauptstrasse weg in hügeliges Gebiet Richtung Sidi Ifni. Nach etwas über einer Stunde erblicken wir ihn dann endlich, den tosenden Atlantik. Vorerst geht unsere Strecke aber noch zu einem Campingplatz, um endlich wieder mal die Wüstenwäsche zu waschen und frisches Wasser zu tanken. Wir bleiben hierzu gleich zwei Tage und treffen wie verabredet auf Jacqueline und Dirk mit ihrem gigantisch hohen Mercedes Truck. Die beiden Frankfurter kennen wir noch von einer kurzen Begegnung vor dem Start auf unser Südrouten Abenteuer. Dirk, ein stattlicher zwei Meter plus Mann, hat sich seinen Wohnaufbau entsprechend hoch und geräumig bauen lassen, der unser Fahrzeug neben seinem, wie ein kleines Beiboot zum Hauptschiff aussehen lässt.


oben: Erste Impressionen vom Meer nördlich von Sidi Ifni


Unser gemeinsames Ziel ist ein möglichst ungestörter, uneingesehener Strand-Stellplatz, wo wir es die nächsten Tage geniessen wollen. Viele Begegnungen und auch etliche Kommentare im Internet beteuern, dass das Freistehen am Meer in Marokko der Vergangenheit angehört. Die Polizei oder auch das Militär scheint die Wildcamper regelrecht von einem Ort zum nächsten zu jagen. Immer mit der Prämisse der Unsicherheit, vermutlich aber auch um den Campingplätzen der Region etwas Geschäft zuzuspielen. Die Tourismusstrategie von Marokko ist in dieser Hinsicht einmalig. Alle Länder spielen ihre Kriminalität doch eher herunter und versichern oft auch falsche Sicherheit, um den Tourismus nicht abzuschrecken. Marokko scheint da total konträr zu handeln. Sie treiben Wildcamper regelrecht die Küste hinauf und hinunter, um allfälligen Problemen mit den Touristen proaktiv aus dem Weg zu gehen. Gelingt ihnen das denn auch wirklich? Das Problem potentieller Kriminalität wird so aber bestimmt nicht gelöst, sondern nur verschoben. Ich bin der Meinung, dass die Behörden so die Caravanisten eventuellen Einbrecher sogar in die Hände spielen. Denn wer hat schon mal von einem Einbruch in einen Wildcamper Van gehört, der einsam und verlassen irgendwo am Meer, im Wald oder in der Wüste stand? Die Einbrecher sind doch viel zu bequem, solche Wildcamper überhaupt erst suchen zu gehen. Sie gehen dahin, wo es genügend Ware gibt, da wo die Polizei sie alle zusammentreibt, irgendwo an vermeintlich sicheren Plätzen, Raststätten oder Dorfzentren. Und wer glaubt, dass Overlander oder sonstige Wildcamper dadurch eher auf einen Campingplatz gehen, der täuscht sich gleich nochmals. Wer kauft sich denn eine Kletterausrüstung, um dann doch mit der Seilbahn hochzufahren? Neben der landesweiten Verschmutzung durch Plastik und Müll scheint mir diese Hetzjagd auf die Touristen das einzige wirkliche Problem in diesem sonst so wundervollen und äusserst freundlichen Land zu sein.


Wir sind also vorgewarnt und in gewisser Hinsicht ja auch schon «vor»erfahren, seit unserem mitternächtlichen Zwangsversetzung durch die Royal Gendarmerie kurz vor Weihnachten. Unser Augenmerk gilt also einem Ort, der einerseits von der Durchgangsstrasse nicht eingesehen und im Idealfall von einem nicht offroad tauglichem (Beamten-) Fahrzeug gar nicht erreicht werden kann. Mit Hilfe unserer topographischen Karten, finden wir einen solchen Platz irgendwo zwischen Mirleft und Aglou. Im ersten Anlauf tun sich unsere Freunde noch ein wenig schwer, diesen steinigen Weg mit ihrem Expeditionsfahrzeug zu fahren. Nach einer Nacht an einem nicht so optimalen Platz werden wir uns aber einig, unseren Fahrzeugen diesen Weg zuzutrauen. Und so stehen wir nun etwa dreissig Meter über dem Meer, vor uns ein riesiger, kilometerlanger Sandstrand in beide Richtungen, Nord und Süd. Eine erste Woche vergeht im Nu mit Beobachtungen der Natur und ausgedehnten Strandspaziergängen. Bei Ebbe entsteht eine surreale Landschaft. Ein paar Meter mit poliertem grauen Gestein, gleich daneben mit dickem saftig grünem Moos überdeckt und dahinter wieder eine neue Formation in leuchtenden rot. Wir staunen einmal mehr über die Schönheit und Vielfalt der Natur, durchforsten diese Landschaft mehrmals und immer entdecken wir wieder Neues. Schon bald wird die Gezeiten App unsere meist angesehene App, um bei der nächsten Ebbe wieder bereit zu sein. Auch die Fischer, Krabben- und Tintenfischsammler kommen natürlich hauptsächlich während der Ebbe. Oft kommen diese auch am späten Abend oder frühen Morgen und verrichten ihre Arbeit auch ganz ohne Tageslicht. Ganz so ambitioniert sind wir natürlich nicht. Die Abende verbringen wir lieber beim gemeinsamen Kartenspiel mit unseren Freunden oder dem Lesen eines spannenden Buches. Auch die Aufarbeitung unseres Foto- und Videomaterials nimmt kaum ein Ende und beschäftigt uns fortwährend.


oben: Fahrt zum einsamen Strand

unten links: am 1. Tag gut

unten rechts: ab dem 2. Tag perfekt


Geduldig wartet die Fotografin auf das perfekte Licht, bei jedem Wetter!

Die Wetterlaunen hier am Meer sind genau so faszinierend und abwechslungsreich, wie das Meer selbst. Keine Abendstimmung gleicht der anderen und insbesondere das, was man als eher schlechtes Wetter bezeichnen würde, ist an diesem Standort besonders spannend. Regenbogen, Gewitterwolken, Gischt im Gegenlicht, unser Naturkino ist zehnmal spannender als jeder TV Sender in der Winterstube zuhause.


unten: Sonne, Regen, Sturm. Die Wettersituation ändert fast stündlich





Wie in den Bergen und in der Wüste, bekommen wir auch hier am Meer regelmässigen Besuch eines Einheimischen. Dibe. a.k.a. «The Wolf» ist ein äusserst sympathischer Fischer ganz ohne Berührungsängste zu uns Ausländern. Fast täglich schaut er vor oder nach getaner Arbeit bei uns vorbei und vergewissert sich, ob bei uns alles in Ordnung ist. Der Mitte Vierziger und Familienvater überrascht uns gleich mehrmals mit einer hausgemachten Tagine oder dem üblicherweise bei den Marokkanern freitags zubereiteten Couscous. Auch süssen Minzentee bringt er uns mit und mit seinen weinroten Kaktusfeigen überhäuft er uns regelrecht. Marokkanische Gastfreundschaft eben. Überschwänglich und herzlich. Dibe fängt aber auch nicht nur Fische, sondern stöbert oft während Ebbe nach den sich in den Felsen versteckenden Tintenfischen. Er erzählt uns über die Tage so einiges über das Meer, die Gezeiten und sein tägliches Leben. Es ist immer äusserst spannend seinen Ausführungen zuzuhören und oft auch amüsant, denn genau wie der junge Schafhirte im hohen Atlas schnalzt auch Dibe immer wenn er mit mir einer Meinung ist. «ça marche» kommt fast am Ende jedes Satzes vor und tatsächlich scheint in seinem naturverbundenen Leben am Meer sehr vieles gut zu laufen.


Dibe a.k.a. "The Wolf" unser fürsorglicher Fischer und Freund

Dibe bei einer seiner täglichen Arbeiten: Hier die Tintenfisch Suche




Salz & Sand strapazieren das Fatbike. Intensivpflege ist angesagt!

Wie unsere Frischprodukte nach ein paar Tagen zur Neige gehen, satteln Dirk und ich den Drahtesel und fahren ins zirka 13 Kilometer entfernte Aglou. Am Nordende des Dorfes finden wir eine kleine Gemischtwarenhandlung, die uns mit dem Nötigsten versorgt. Frisches Gemüse oder Obst zu kriegen, ist aber hier eher Glücksache. Oft liegt die Ware schon viel zu lange auf den Regalen. Die Rückfahrt wage ich dann über den Strand. Inzwischen ist es nämlich fast Ebbe und ich rechne mir die besten Chancen aus, die gesamte Strecke am Meeresufer zurücklegen zu können. E-Fati macht's möglich. Meine fetten Reifen laufen selbst mit Strassendruck einwandfrei über den nassen Sand. Nur ganz zu Beginn muss ich noch einmal kurz über die Klippen ausweichen, den Rest der Strecke hat die Ebbe inzwischen freigegeben. Einfach herrlich! Ein Spiel zwischen Möwen, Sand und Wellen. Ich fahre mich schon fast in Trance im Glitzern der Mittagssonne. Diese Strecke mache ich übrigens in den kommenden Tagen noch zweimal und auch die Strecke in die andere Richtung zum acht Kilometer entfernten Bäcker im Süden unseres Standortes wird Teil meines Fitnessprogramms.



Wie sich das Salz und der Sand in meinen Radnaben auswirken werden, weiss ich heute noch nicht. Flugrostmittel, Stahlwolllappen und Schutzöl gehören ab heute aber zu meinen Waffen gegen die Kraft der Natur. Der Kampf sei hiermit eröffnet!


Nach rund zehn Tagen und einer sehr unruhigen stürmischen Nacht entschliessen sich Jacqueline und Dirk im Landesinnern Windschutz zu suchen. Die Wetteraussichten für die nächsten drei Tage sehen tatsächlich nicht sehr rosig aus und die beiden haben auch nicht mehr ganz soviel Zeit zur Verfügung wie wir. Uns hat das nächtliche Unwetter nicht so zugesetzt. Im Gegenteil, wir geniessen das leichte Schaukeln und das Klopfen der Regentropfen in Kombination mit dem Wellenrauschen und fühlen uns eigentlich ganz wohl in dieser natürlichen Klangtherapie. Für uns heisst es aber auch vorerst mal Aufbruch, um unseren 300 Liter Wassertank wieder zu füllen und hoffentlich nochmals zehn unbeschwerte Tage an diesem traumhaften Ort verbringen zu können. Es ist kaum zu glauben, aber am Nachmittag desselben Tages sitzen wir bereits wieder vor unserem Fahrzeug und geniessen die Sonne, ohne Wind und Regen und nun leider auch ohne Jacqueline und Dirk ;-(


oben: Die schönsten Stunden geniessen wir in toller Gesellschaft mit Jacqueline und Dirk

unten: Faszination Meer








Ein Blick ersetzt tausend Worte.... Wir lieben dich auch!

Bio hält fit und jung. Am Meer blüht Brigitte zusätzlich auf

Die Tage vergehen im Nu. Während unsere Liebsten in der Schweiz zwar ohne Schnee aber mit viel Kälte zu kämpfen haben, geniessen wir hier im Süden Marokkos die Sonne und das Meer. Seit dem Wassertanken bereitet uns die Pumpe zwar etwas Mühe, zieht Luft ohne Ende und macht ganz fürchterliche Geräusche, sodass wir nicht wissen, wie lange wir hier wirklich noch bleiben können. Denn ohne Wasser wird es selbst am Meer nichts. Den technischen Mangel kriegen wir aber glücklicherweise nach ein paar Tagen wieder in den Griff, sogar ganz ohne Installation der Ersatzpumpe, die wir für die Wasserbetankung aus Flüssen oder Seen ja eh mitführen.

Nach weiteren zehn unterhaltsamen Tagen am geliebten Meer treibt es aber auch uns schliesslich weiter. Wir wollen unbedingt noch nach Marrakesch und Rabat und auf dem Weg dahin ziehen wir uns auch noch die Hippie Stadt Essaouira rein. Nach zwei Nächten im Camp bei Tifnit für's obligate Wäschewaschen und einem Abstecher in den Carrefour von Agadir, fühlen wir uns nun definitiv wieder zurück in der Welt des Konsums. Noch nie waren wir so begeistert von einem Lebensmittelgeschäft. Wir scheinen so richtig ausgehungert zu sein. Besonders die Bio Produkte hat Brigitte in den letzten zwei Monaten vermisst. Hier gibt es sie wieder.


Und wieder ein herrlicher Stellplatz: Am Ras Sim nördlich des Kaouki Beach

Bis Essaouira ist es aber noch ein ganz schönes Stück, alles immer schön der Küste nach Richtung Norden. Das Meer wird uns noch nicht so schnell los. Am Ras Sim, nördlich des Kaouki Beach, finden wir dann nochmals einen Ort, wo die Surfer den ganzen Tag in ihren Neoprenanzügen im Wasser schwadern und auf diese eine grosse Welle warten. Ganz ganz hinten an diesem Strand, kurz bevor die Sanddünen beginnen, finden wir unsere einsame Klippe. Ausser Quad- und Motocross-Biker kommt hier keiner hin. Wir sind schon wieder der Faszination Meer verfallen und zählen unsere gemäss Visum verbleibenden Tage zusammen. Wenn wir uns auf der Fahrt nach Norden ein wenig beeilen, liegen hier nochmals drei Tage drin. Und genau so machen wir das!


unten: Impressionen Ras Sim

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