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4.2 Wake-up Call in Thessaloniki

Der erste Morgen in Griechenland ist verheissungsvoll. Endlich strahlende Sonne und Temperaturen gegen die 20 Grad. Nach über zehn Tagen Fahrt Richtung Süden ist das nun endlich der Lichtblick, den wir uns schon im Tessin gewünscht haben. Auf der heutigen Route Richtung türkische Grenze planen wir einen vorsorglichen Boxenstopp in der wohl einzigen qualifizierten Unimog Garage in der ganzen südöstlichen Ecke Europas ein. Unsere Sorge dreht sich um die alte Macke, die wir schon im vorigen Winter im Hohen Atlas erfahren haben. Bei tiefen Temperaturen verlieren wir ganz unvermittelt die zum Schalten und Bremsen notwendige Druckluft, wenn wir vom fünften Gang (dem hohen Schaltkreis) in den vierten (den niedrigen Schaltkreis) runter schalten. Man verzeihe mir die unfachmännische Begriffsverwendung, den ich bin absoluter Automech LAIE! Genau deswegen ziehen wir es vor, in Thessaloniki einen vorsorglichen Garagenstopp in der letzten Unimog Fachwerkstatt vorzunehmen bevor wir Europa Richtung Asien verlassen.



Arnakis von unimog.gr bei der Analyse

Es ist ein bisschen wie beim Zahnarztbesuch. Am Tag an dem du endlich dran bist, ist dein Zahnschmerz weg. Kennt ihr das? So geht es heute unserem FRAME. Es ist aber kaum verwunderlich, denn genau heute haben wir ja auch wieder sommerliche Temperaturen und seine Schalt-Macken hat er immer nur wenn es richtig kalt ist. Ohne handfeste Symptome, kann der Mechaniker nichts unternehmen. Das war schon in der Schweiz so, wo wir dasselbe Problem bei unserer Servicegarage meldeten. Ich nehme die Gelegenheit aber wahr, um auch gleich meine Betriebsmittel kontrollieren zu lassen. Die Vorgelege der Portalachsen sind eh schon wieder bald fällig. Und siehe da, Arnakis, unser neuer griechischer Freund der unverwechselbaren Unimog Werkstatt, findet im Differential der Hinterachse nur noch etwa einen halben Liter Öl anstelle der zweieinhalb Liter, die darin vorgesehen sind. Die Alarmglocken läuten! Das hätte ins Auge gehen können. Ein Differential ohne Schmierung, ja das ist wie ein Flugzeug ohne Flügel. Zum Glück konnten wir mit diesem Vorsorgeuntersuch einen «Mayday» vermeiden. Wir wissen aber nicht wohin die fehlenden zwei Liter abgeflossen sind. Ich beobachte meinen «alten Freund» seit dem ersten Tag mit Argusaugen. Er hat noch nie getropft. Bestenfalls etwas geschwitzt, aber ein Ölverlust nach aussen scheint mir eigentlich unmöglich. Differentialöl kann auch in die Vorgelege entkommen, aber zwei Liter sind viel zu viel, um dorthin unbemerkt abzufliessen. Aber es soll noch schlimmer kommen.


Das eigentliche Druckluft Problem bleibt ungelöst, dafür haben wir nun ein neues, potentiell akuteres mit der fast leer gelaufenen Hinterachse bekommen. Ja bravo, das steigert die Spannung.



oben: Geparkt zur Inspektion inmitten von griechischen Unimogs

unten links: Griechische Zwischenverpflegung inklusive

unten rechts: Allerlei Trouvaillen im Hof



Nach diesem Weckruf in Thessaloniki schaffen wir es bis zum Eindunkeln gerade noch bis an den Strand von Stavros. Es war ein nervenaufreibender Tag in der Unimog Garage und wir entlohnen das mit einem schönen Platz auf einer kleinen geteerten Plattform, die ins Meer gebaut ist. Die Brandung ist zum Greifen nahe und da wir das Meer über alles lieben, fühlt es sich nur richtig an, hier zu nächtigen. Wir schlafen tief und fest als plötzlich so gegen fünf Uhr früh eine Kombination von Südwind und Flut die ersten Wellen bis ans Fahrzeug klatschen lassen. Raus gehts aus dem Pyjama und rein in die Truckerboots. Der Fluchtweg ist wie immer gut geplant und kann somit auch im Dunkeln ohne Probleme angetreten werden. Uff, das war jetzt zwar nicht gefährlich, aber eher peinlich nahe am Wasser.



Den Wellen zum Greifen nahe in Stavros



Heute soll es über die türkische Grenze gehen, um morgen schliesslich in Istanbul einzutreffen. Eine EHL Schulfreundin erwartet uns schon in der türkischen Metropole und freut sich mit uns auf ein Wiedersehen nach Jahrzehnten. Aber auch heute kommt es anders als wir denken. Ein starkes Sturmtief baut sich im äussersten Westen der Türkei auf. Ich beobachte diese Wetterlage schon seit gestern und sie scheint sich zu verstärken. Da ich mir nicht sicher bin, wie steil und wie gut unterhalten die Strassen hinauf zur türkischen Grenze sind, ziehe ich es vor nach 120 Kilometern die Reissleine zu ziehen, das heisst die Etappe frühzeitig zu beenden. Das stösst nicht gerade auf Begeisterung bei der Crew, sprich Brigitte. Sie will den Winter so rasch wie möglich hinter sich lassen und nicht von ihm ausgebremst werden. Auch auf Istanbul hat sie sich schon lange sehr gefreut. Wir haben aber eine Abmachung unter uns: Wenn eine(r) ein schlechtes Bauchgefühl hat, dann hat sich der/die andere zu fügen. Ob das aus Gründen der Sicherheit, bei drohendem Leerstand des Kühlschrankes oder eben beim Wetter ist, spielt dabei keine Rolle. Ich ziehe es vor, nicht in die Blizzard ähnlichen Stürme hineinzufahren und stattdessen auf einem grossen Shoppingcenter Parkplatz den Sturm auszusitzen. Die Nacht wird entsprechend etwas wackelig und bitterkalt, draussen ;-). Beim Aufwachen sehen wir aber noch nicht, wie gut unsere Entscheidung war, denn hier im äussersten Osten Nordgriechenlands hat es so gut wie keinen Schnee gegeben. Wir fahren los und begreifen nur allmählich, dass sich das kurzzeitige Warten aber trotzdem wirklich gelohnt hat.


Den Umständen entsprechend ändern wir auch noch unsere Route. Bei dieser Kälte und schlechtem Wetter macht es für uns keinen Sinn, in Istanbul auf Stadtbummel zu gehen. Zudem gibt es wegen der Verzögerung Terminkonflikte auf Seiten unserer Gastgeberin. Der neue Kurs führt uns nun etwas weiter südlich über die Dardanellen anstatt den Bosporus.


Der türkische Gigantismus beeindruckt uns schon von der ersten Minute am griechisch-türkischen Grenzübergang von Ipsala. Eigentlich ist es nicht einer, sondern gleich drei. Drei monumentale Bauwerke im Abstand von ein paar hundert Metern lassen dich spüren, dass du hier zu einem grossen, ganz grossen Nachbarn fährst. Die Einreise dauert aber kaum länger als sonst wo. Nicht unser Fahrzeug, sondern vielmehr unsere Fahrräder wurden besonders in Augenschein genommen. Sie scheinen ganz besessen auf Motorräder zu sein. «Unsere Fatbike mögen aussehen, wie sie wollen», geschätzter Herr Grenzer, «Motorräder sind sie keine». Nach ein paar Sätzen der Beteuerung, wurde dies schliesslich, wenn auch widerwillig, akzeptiert und entsprechend vermerkt. Eine gewisse Erleichterung ist bei uns zu spüren, schliesslich sind wir nun nur noch ein Land weg vom Ziel Zypern.


3. Grenze: Geschafft!

Gross und leer: Die Verbindung über die Dardanellen

Die Strasse Richtung Dardanellen erinnert mich an die äusserst grosszügig gebaute Verbindung zwischen Dubai und Abu Dhabi in den 90ern. Damals waren die sechsspurigen Autobahnen doch (noch) total leer. Heute sind sie täglich proppenvoll. Vermutlich hat Herr Erdogan eine ähnliche Vision mit dieser Strasse nach Asien. Sie ist heute gähnend leer, so auch die «1915 Canakkale Brücke», angeblich die längste Hängebrücke der Welt! Mit 2023 Meter mittlerer Spannweite und einer Gesamtlänge von über viereinhalb Kilometern hält sie diesen Weltrekord seit der Erstellung vor knapp zwei Jahren. Die eher mickrige Ausnutzung liegt also keinesfalls an der gigantischen Attraktion, sondern vermutlich vielmehr am Strassenzoll, der für die Einheimischen nicht ganz so einfach zu verkraften ist.


Die «1915 Canakkale Brücke» verbindet Europa mit Asien

Wir sind nun also in Asien angelangt. Die Gegend scheint hier im Schnee förmlich zu versinken. Erst jetzt erkennen wir, dass unser Ausharren vor dem Sturm goldrichtig war. Hier liegt in Zwischenzeit ein halber Meter Schnee. Auch wenn heute die Strassen schon wieder geräumt sind, so war es gestern, während des Sturms, sicher nicht so gemütlich. Trotz der garstigen Bedingungen mühen sich manche in viel zu leichtem Schuhwerk auf den Gehwegen über die Schneehaufen. Offensichtlich ist man sich hier sowohl Kälte, wie auch Schnee in den Massen nicht gewohnt.


Ein erster Versuch eine lokale SIM Karte zu erstehen schlägt fehl. Die Wartezeit wird uns aber im unbeheizten Turkcell Shop traditionell mit heissem Tee verkürzt. Am Aufschalten hapert es dann. Tags darauf verstehen wir, dass das Problem an der Tatsache lag, dass wir mit der ID und nicht mit unserem Reisepass eingereist und entsprechend im nationalen System registriert sind. Dass hier alle Telekom Anbieter, auch die privaten, Hand in Hand mit dem Staat Daten abgleichen wundert uns nicht. Lektion gelernt!



oben: Auf der Suche nach Wärme finden wir in der Türkei nur Kälte und Schnee

unten: Pitch am Göbasi See nach Bursa



Seit Thessaloniki überprüfe ich das Öl Niveau in der nun wieder aufgefüllte Hinterachse regelmässig. Schon am zweiten Tag hat nochmals ein Liter Platz. Am vierten gleich nochmals einer. Wir sind nun schon in der tiefsten türkischen Pampa irgendwo auf der riesigen Hochebene zwischen Eskisehir und Konya und kämpfen teilweise immer noch gegen Schneefall und Wind. Die Fahrt in den Süden fühlt sich an, wie die Fahrt zum Nordpol.



Der Winter lässt uns nicht los



Hilfsbereit und die Erwartungen immer übertreffend

In der Zwischenzeit besorgten wir uns auch einen passenden Inbusschlüssel, um das Differential bequemer öffnen und schliessen zu können. Auch wenn uns unsere Sorge um den Ölstand in FRAME's Hinterbeinen nicht mehr loslässt, so schaffen es die netten Türken immer wieder, uns mit Witz und Charme aufzumuntern. Wo immer wir um Hilfe bitten, wird uns mehr gegeben, als wir es uns erhoffen. Auch die Türken sind ein Vorbild der Gastfreundlichkeit.


Wir sind nun auch mit unseren technisch versierten Freunden in der Schweiz und What›sApp Hilfe-Gruppen in reger Verbindung, um das Problem und das Risiko einer leer laufenden Hinterachse besser beurteilen zu können. Gilt es die erst beste LKW Garage anzufahren oder schaffen wir das noch bis Zypern, wo uns Arnakis eine Werkstatt empfohlen hat? Wir fahren weiter, kontrollieren den Ölstand, bangen und fahren.


Tagliche Ölkontrolle wird zur Routine


Im Eber Sumpfgebiet nordöstlich von Cay stehen wir total im Trockenen

Gigantisch flüssig ist auch die Verkehrsführung durch die türkischen Grossstädte. Ob Bursa, Eskisehir oder Konya, wir traversieren alle diese Millionenstädte ohne eine Ampel, Stopp oder Kreisel. Die Transitstrassen führen quer durch und fliessen total gut dank respektvollem Fahrstil aller Beteiligten. Einzig ein paar wilde Motorradfahrer fallen gegenteilig auf. Sie dröhnen mit ihren schweren Maschinen mit weit über 100 Sachen durch den gemütlichen Stadtverkehr, scheinen es eilig zu haben noch jung in den Himmel zu kommen.


Wir kommen gut voran. Mit fast 300 Kilometer pro Tag fahren wir nun schon den vierten in der Türkei, die letzten beiden auf dieser gewaltigen Hochebene über 1'000m.ü.M. Es ist kaum zu glauben, dass wir morgen schon am Hafen von Tasucu sein sollen und von dort nur noch eine kurze Fährfahrt von unserem Ziel Zypern entfernt sind. Kaum zu glauben, denn heute Nacht zeigt das Thermometer noch satte minus acht Grad und in Zypern erhoffen wir uns doch eher wohlige 20 Grad.



Am fast ausgetrockneten May Stausee "geniessen" wir eine Nordpol Nacht


Die vielen verschiedenen Vermutungen und Ratschläge, die wir betreffend dem spurlosen Verschwinden unseres Hinterachsöls auf unseren sozialen Kanälen erhalten, überfordern mich schon fast ein wenig. Es werden mir Anleitungen geschickt, wie ich meinen Unimog in all seine Einzelteile zerlegen kann. Hey Jungs, ich bin kein Mechaniker! Sollte ich das wirklich schaffen, wie setze ich das Ganze bloss wieder zusammen? Nach all den wirklich gut gemeinten Expertisen gibt es für uns nur eine Lösung: Wir müssen es bis Zypern in die empfohlene Garage schaffen. So liege ich nun auch bei Minustemperaturen auf dem gefroren Boden unter meinem Unimog, um sicherzustellen, dass meine Achse nicht trocken läuft. Wir entschliessen uns schliesslich auch unsere Höchstgeschwindigkeit von etwas über 80km/h auf knapp 70km/h zu drosseln. Ob das auch wirklich was bringt, wissen die Götter. Die Meinungen der Unimog Community gehen auch hier, wie immer, diametral auseinander. Wir tun es trotzdem.


Der letzte Strecke bis zur Fähre führt uns schliesslich vom gefrorenen und fast schon ausgetrockneten May Stauseechen bis hinunter an die Südküste nach Tasucu. Die Gegend hier ist einmal mehr sehr imposant. Riesige Felswände türmen sich neben der autobahnähnlichen Strasse. Manche Felstürme drohen schon bald auf die Strasse zu fallen, so schief stehen sie in der Landschaft. Kurz vor dem Ziel fahren wir noch einmal an eine auch heute Sonntag geöffnete LKW Garage auf der Suche nach noch etwas GL5 Achsöl. Unsere mitgeführte Reserve für die Vorgelege ist nämlich nach zweimaligem Nachfüllen der Hinterachse bereits alle. Der diensthabende Mechaniker begrüsst mich mit seinen pechschwarzen Händen. Er scheint etwas gestresst, denn ein Aserbaidschanischer Lastwagenfahrer wartet auch schon ungeduldig auf die Reparatur seines Trucks. Anstatt mit meinem nicht existenten Türkisch umständlich zu erklären, was ich denn eigentlich benötige, suche ich gleich selbst seine verstaubten Kanister ab. Und siehe da, ich werde fündig. Ganz hinten in seiner Unordnung finde ich GL5 Achsöl, sogar von einem Premium Hersteller. Meine Hinterachse scheint aber heute erstaunlicherweise gar kein Öl verloren zu haben, obschon die Fahrt mit ganz schön grossen Höhenunterschieden, sprich Anstrengungen für FRAME gespickt war. Somit füllt er mir anstelle der Hinterachse wenigstens noch meinen leeren Kanister, für den Fall, dass ich bei der Ankunft auf Zypern noch was brauche. Mit einem Augenzwinkern nimmt er mein Bakshish entgegen und wünscht uns gute Fahrt.



Imposantes Panorama von der Hochebene Karaman bis ans Mittelmeer bei Tasucu


Wir erreichen den Hafen und parken unseren Koloss, wo wir es vermutlich nicht hätten parken dürfen. Not macht erfinderisch, denn wir wollen uns unbedingt noch ein Fährticket für heute Nacht sichern. Die nächste ginge erst wieder am Dienstag. Das Ziel Zypern ist zum Greifen nah. Wie erwartet ist die Fähre in der momentanen Nebensaison nicht ausgebucht. Ein Platz heute Nacht ist gesichert. Bevor wir uns aber gegen 20Uhr zum Terminal begeben, gönnen wir uns noch ein türkisches Abendessen im Village. Um 18Uhr schon Abend zu essen ist wahrscheinlich höchst unüblich. Wir haben aber einen Bärenhunger und setzen uns in ein leeres Lokal am Strand und geniessen allerlei feine türkische Spezialitäten.



oben linkes: Der Hafen von Tasucu

oben rechts: Für einmal lassen wir uns im Restaurant verwöhnen



Die lange Nacht des Wartens auf Akgünler

Die Fährfahrt nach Girne ist ein Abenteuer für sich. So stehen wir von 20Uhr bis morgens um 6Uhr am Hafen, immer auf Standby, um jede Minute aufs Schiff fahren zu können. Als es dann endlich losgeht, kommen zuerst alle Lastwagen dran, ausschliesslich riesige Fünfachser, die im Fünfminutentakt im Bauch unserer Akgünler Fähre verschwinden. Fünf Minuten pro Fahrzeug? Das kennen wir von Marokko, England oder Irland aber viel schneller. Wie wir schliesslich selber dran sind, sehen wir den Grund fürs Schneckentempo. Jedes einzelne Fahrzeug wird mit einem 40 Tonnen Lift mühsam aufs nächste Deck hochgehievt. Es ist schon bald sieben Uhr und wir sind zum Umfallen müde. In weiser Voraussicht auf eine vielleicht mühsame Überfahrt haben wir uns vorab eine Kabine gebucht. Ein Übernachten im Auto ist zwar hier erstaunlicherweise erlaubt, aber oft ist es doch sehr laut von den Schiffsmotoren oder dem ständigen Geheul der abgehenden Alarmanlagen von wackel-sensiblen Autos. Wie wir nun mit Sack und Pack gerüstet den Schlüssel zu unserer Kabine drehen und eintreten, trifft uns fast der Schlag. Es fühlt sich an, wie in einem sibirischen Straflager. Kajütenbett mit ultra dünner Matratze und ein schmuddeliges Leintuch zum Zudecken. Das Bullauge durchgerostet, das Badezimmer gerade mal noch knapp funktionstüchtig, aber bloss nichts berühren, denn es riskiert gleich in Stücke zu fallen. Das Tüpfelchen auf dem «i» ist aber der Lärm, obschon wir ja noch nicht mal abgelegt haben. Wir schauen uns entsetzt an, dann konsterniertes Lachen. Nein, hier werden wir bestimmt nicht bleiben. Flugs gehen wir zurück in unser Luxusgemach im FRAME und schlafen, trotz anfänglichem Lärm, innert Sekunden ein.


Auf das Zoll Prozedere in Nordzypern sind wir dank Internet Informationen gut gewappnet. Da wir nur gerade mal drei Touristenfahrzeuge auf dieser Fähre sind, gibt es auch keine langen Wartezeiten. Wir bekommen sogar eine persönliche Eskorte eines freundlichen Beamten, der uns von einem Posten zum nächsten begleitet. Passkontrolle, Fahrzeug Versicherung, Strassentaxen und temporärer Fahrzeug Import nennen sich die Stationen des Spiesroutenlaufs. Obschon die Türkei ja behauptet, dass Nordzypern faktisch zu ihnen gehört, ist die Ausreise aus der Türkei und die Einreise nach Nordzypern komplizierter als bei den meisten anderen Grenzübergängen. Es ist bereits Montagnachmittag als wir uns endlich mit einem High-five gratulieren können: Wir haben es geschafft, wir sind auf der zypriotischen Insel.


Nun sind wir zwar endlich in der Wärme angekommen, aber wirklich geniessen können wir es noch nicht, ohne das Rätsel um unsere Hinterachse gelöst zu haben. Der Grenzübergang vom türkischen in den griechischen Teil Zyperns in Nicosia verläuft schnell und unkompliziert. Wir lassen uns noch das Formular CP5 ausstellen, was nicht automatisch passiert. Es handelt sich hierbei um eine Zollbestätigung für die temporäre Einfuhr unseres Fahrzeuges von Nord- nach Südzypern. Ohne diesen Wisch könnten wir bei der Ausreise Probleme bekommen, sagen die, die das verpasst haben.


Von Nicosia ist es dann noch eine gute halbe Stunde Autobahnfahrt bis zu den Kaountas Brothers, die Adresse, die uns Arnakis in Thessaloniki schon mitgegeben hat, falls wir in Zypern ein Unimog Problem hätten. Here we are and here we (still) have!


Theodosis und Vasilhs betreiben hier in Kofinou eine kleine Garage. Ihr Bruder Renos Kaountas unter demselben Dach auch noch eine Bau- und Reparaturstätte der typisch griechischen Bouzouki Zupfinstrumente. Ihr Vater ist die gute Seele im Haus und «Mädchen für Alles»




Bouzouki Werkstatt der Kaountas Brothers


Dieser Familienbetrieb liegt ganz unscheinbar in einer kleinen Nebenstrasse des Dorfes, umgeben von ausrangierten Fahrzeugen, leeren Öltonnen und dem üblichen unentsorgten Gerümpel, was halt über die Jahre so liegenbleibt. Infolge der massiven Verspätung der Fähre ist es in der Zwischenzeit bereits später Montagnachmittag und es bleibt uns nicht viel Zeit zur Besprechung, wenn wir noch vor dem Eindunkeln an einen schönen Übernachtungsplatz ans Meer fahren wollen. Wir legen unseren Garagentermin nicht auf den folgenden Tag, sondern erst auf Übermorgen fest, denn wir wollen uns nach unserer «Hetzfahrt» in den Süden unbedingt erst einmal etwas erholen. Seit Venedig haben wir nie mehr einen Ruhetag eingebaut, so heiß waren wir auf Zypern und so kalt war es uns unterwegs ;-)



oben: Erste Erhohlung am Mazotos Beach, Südküste Zypern

unten: Warten auf's Ersatzteil am Alaminos Beach



Der Mittwoch wird also zum Untersuchungstag. Es braucht nicht lange, bis wir das vermeintlich spurlos verschwundene Achsöl schliesslich im Schubrohr wiederfinden. Dieses wird erst einmal entleert und dann, unter Anleitung aus Thessaloniki, das nötige Ersatzteil bestellt. Es ist unglaublich, wie gut hier die Lieferketten funktionieren. Sei es für Ersatzteile, einen Lunch oder sonst was. Innerhalb von wenigen Minuten werden beliebiges Essen und Trinken geliefert, viermal täglich alle direkt verfügbaren Ersatzteile oder in nur wenigen Tagen alles erdenklich andere. Von der Küche, vom Lager direkt an die Türpforte, klappt hier wunderbar auch ganz ohne DHL oder UPS. Wir brauchen einen neuen Wellendichtring, um unser Problem zu beheben. Ein kleiner handgrosser Ring hat uns also so viel Kopfzerbrechen gemacht. Übermorgen soll er schon da sein und somit stehen wir auch am Freitag nochmals auf der Matte bei Theodosis und Vasilhs.



Der alte (links noch montiert) und der neue Wellendichtring (rechts)




Mit Argusaugen beobachte ich das Anheben mit einfachsten Mitteln

In der Zwischenzeit hatte ich Zeit mir diesen Eingriff an FRAME durch den Kopf gehen zu lassen. So ganz ohne Hebebühne oder Werkstatt-grube, wie bringen die Brüder das wohl hin? Mein Fahrzeug hat ja nicht einmal in seiner Garage Platz, das ganze findet also draussen auf der Strasse statt. Mir wird Angst und Bange beim Gedanken an all die schweren Lasten ohne die passende Infrastruktur. Wobei, das ist nicht ganz richtig. Die Jungs sind sonst wirklich gut ausgerüstet mit Werkzeugfräsern, Druckluft-geräten und allerlei Kleinkram, was sich im Laufe der Reparatur als sehr hilfreich herausstellt.


Theodosis ist im Lead. Bei Schwierigkeiten kommt aber Vasilhs immer wieder mal zu Hilfe. Schwierige Manöver werden von den beiden immer kurz zusammen besprochen. Ich sehe, da wird mit Kopf gearbeitet. Das steigert mein Vertrauen.




Theodosis links, Vasilhs rechts. Zwei Profis bei der Arbeit


Auch Kunden, die mal kurz vorbei schauen, ihr PW bringen oder abholen oder nur mal gerade einen Termin vereinbaren, alle helfen sie kurz mit, bringen ein Werkzeug von drinnen oder assistieren uns irgendwas umherzuschieben. Teamwork vom Feinsten.



Die grosse Zerlegung wegen eines kleinen Teilchens...


Wir verbringen fast zwölf Stunden auf dem Vorplatz der Kaountas Brothers. Selbstverständlich inklusive Kaffeepausen, Frühstück und Lunch, fühlen uns schon wie Familienmitglieder. Das ist sie nun also, die zypriotische Gastfreundschaft. Herrlich! Dazwischen haben wir natürlich auch genügend Zeit die Umgebung auszukundschaften aber immer wieder geht mein Blick zurück unter das Fahrzeug zu Theodosis. Ich versuche meinen Unimog so besser kennenzulernen, auch wenn ich einen solchen Eingriff niemals alleine machen könnte.



oben: Mit den drei Kaountas Brothers beim gemeinsamen Frühstück

unten: Genügend Zeit um auch die umliegende Natur zu entdecken



Es ist bereits am Eindunkeln, als wir endlich wieder mit dem Zusammenbau beginnen. Jetzt bloss keine unnötige Hetze. Schraube um Schraube finden Schubrohr wieder zur Achse, die Stossdämpfer und Bremsschläuche wieder an ihren Platz. Die Hinterräder werden schliesslich wieder montiert und das Achsöl neu aufgefüllt. Zu guter Letzt wird auch die Bremsflüssigkeit wieder nachgefüllt und alles betriebsbereit gemacht und getestet. Eine Odyssee geht hier hoffentlich zu Ende. Wir sind unendlich dankbar für den Support, den wir von allen erhalten haben und speziell für die tatkräftige Unterstützung der Kaountas Brothers, sowie den unerwarteten Wake-up Call durch das Herausfinden des Problems von Arnakis in Thessaloniki.


Das "Wunder" ist vollbracht. Danke Bros!!




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